Jede neue Sprache ist wie ein offenes Fenster, das einen

neuen Ausblick auf die Welt eröffnet und die

Lebensauffassung weitet.

Frank Harris

 

 

Leseprobe

 

aus: Hochsaison für Hochzeiten von Darcy Cosper (Ullstein, 2006)

Ende Mai/Anfang Juni 200-

Ein Monat vergeht; Hochzeit reiht sich unbarmherzig an Hochzeit, bis ich nur noch weiß sehe. Joan und Bix heiraten im Stadtzentrum, in einem Gebäude aus der Vorkriegszeit. Der Ballsaal hat auf drei Seiten Fenster, die vom polierten Holzboden zur sechs Meter hohen Decke reichen und durch die die Skyline von Manhattan zum Greifen nahe scheint. Das Paar legt bei Sonnenuntergang das Gelübde ab, während die Stadt allmählich im grauen Zwielicht versinkt und als bizarres Skelett, von mehr und mehr Lichtern erhellt, unmerklich aus der Dunkelheit wiederaufersteht. Die Brautjungfern – inklusive meiner Person – tragen seltsam steife, architektonisch angehauchte Konstrukte aus knalligem, orangerotem Stoff. Joan ist den ganzen Abend über ungewöhnlich gefasst. Auf einen diesbezüglichen Kommentar von mir entnimmt sie ihrem Täschchen eine schmale Platinpillendose mit ihrem Monogramm – ein Geschenk von ihrem Ehemann –, die ausreichend Vicodin enthält, um halb Manhattan ruhig zu stellen. Ein mäßig berühmter Schauspieler, der mehrfach für Preise bei Independent-Film-Festivals nominiert wurde, bringt einen derart langen Trinkspruch aus, dass einige Gäste die Feier verlassen und der Vater des Bräutigams eingreifen muss. Ora Mitelman ist dank einer glücklichen Fügung des Schicksals verhindert – sie tritt in einer Fernsehshow auf und kann deshalb nicht kommen.

Meine Studienkollegin Chloé, halb Holländerin, halb Italienerin, heiratet ihren argentinischen Verlobten Ricardo, im Rahmen einer sehr formellen Trauung in einer katholischen Kirche. Chloé wuchs in Belgien und Frankreich auf und ging in England zur Schule, ehe sie in die Staaten kam, um Jura zu studieren. Bei ihrer Hochzeit sind daher sage und schreibe siebzehn verschiedene Nationen vertreten. Der Empfang findet in Ricardos Restaurant statt, das unmittelbar nach der Eröffnung letztes Jahr unglaublich populär war, was sich allerdings schlagartig änderte, als sich ein Star eines schönen Abends (an dem dummerweise sowohl ein namhafter Restaurantkritiker als auch eine Reporterin der Regenbogenpresse zugegen waren) eine schwere Lebensmittelvergiftung zuzog. Die amerikanischen Hochzeitsgäste versuchen sich tollpatschig im Tango; die restlichen geben unzählige lärmende, von Gelächter unterbrochene, von heißblütigen Gefühlsausbrüchen und heftiger Gestikulation begleitete Trinksprüche in gebrochenem Englisch aus. Es gibt orangefarbene Brautjungfernkleider, eine Schwindel erregende Anzahl von Verwandten sowie einige Aufregung wegen der Anwesenheit eines unehelichen Kindes, das einer Affäre von jemandes Vater entsprungen ist, aber, soweit ich weiß, keinen einzigen Fall von Lebensmittelvergiftung.

Maud und Tyler heiraten in der Wohnung eines Freundes im Stadtteil Tribeca - in einem Loft von der Flächenausdehnung eines städtischen Parkplatzes. Da die Presse davon Wind bekommen hat, muss die Straße gesperrt werden, um Pararazzi und plärrende Teenager (Fans von Tylers Band The False Gods) fernzuhalten. Polizei und Bodyguards geleiten Tylers Bandmitglieder und die übrigen berühmten Hochzeitsgäste durch den Mob. Ich trage ein Kleid, das nicht orange ist und überbringe als Friedensangebot das gerahmte Bild eines Transsexuellen von Starfotografin Nan Goldin. Maud klatscht Gabe ab und bittet mich um einen Tanz. Das gesamte Loft wird von mehreren hundert Kerzen beleuchtet, weshalb das Personal vom Cateringservice eine Menge Zeit damit verbringt, die Ständer mit neuen Kerzen zu bestücken und Wachs vom Boden zu kratzen. Ich hatte angenommen, ich würde mehr als zufrieden sein, an der Hochzeit in Zivil teilnehmen zu dürfen, doch je länger ich beim Essen die Brautjungfern beobachte, die (in orangefarbenen Kleidern) tratschend und lachend am Nebentisch sitzen, desto einsamer fühle ich mich merkwürdigerweise. Als Maud ihren Brautstrauß wirft – ein Bouquet aus weißen Gardenien, so groß wie ein Volleyball, prallt dieser vom Kopf einer Brautjungfer ab und landet in Henrys Schoß. Ich bin kurz enttäuscht, weil sie ihn nicht zurückschmettert.

Ian und Brad, Exfreund und Herzensbrecher von Charles, laden zu einer Homo-Trauung in den Hamptons, zu der ich Charles als moralische Stütze begleite. Ein schwuler Priester segnet die verbindliche Lebensgemeinschaft. Beide Heiratskandidaten tragen weiß, niemand trägt orange. Die Gäste sind offenbar samt und sonders Exfreunde von einem der beiden Bräutigame, darunter zu meiner Überraschung auch mein Bruder James. So kommt es, dass James und Charles sich doch noch kennen lernen; ich sehe mich bereits lebhaft einer nicht enden wollenden Sturzflut von Fragen über den jeweils anderen ausgesetzt. Der Zeremonienmeister treibt mich und den kümmerlichen Rest der nur spärlich vertretenen weiblichen Gäste (ein knappes Dutzend) für „das Tuntentantenporträt“ zusammen. Als der Abend hereinbricht, sehe ich zu, wie einhundert Männer in Sommeranzügen Wange an Wange in der Dämmerung über den endlosen Rasen tanzen.

Miel und Max heiraten an einem sonnigen Morgen auf dem Dach eines Industriegebäudes im Westen von Manhattan mit Blick über den Hudson River. Das Haus beherbergt Galerien und Künstler-Ateliers, weshalb wir von obskuren Skulpturen umzingelt sind. Die Trauung wird von der Mutter des Bräutigams, einer Richterin aus Kentucky vorgenommen und immer wieder von hartnäckigem Hupen unterbrochen, weil sich unten auf dem West-Side-Highway der Verkehr staut. Es sind etwa dreißig Gäste anwesend. Miel ist barfuß. Ich trage ein aprikosenfarbenes Brautjungfernkleid. Die Torte ist gut zwei Meter hoch und stammt von einem Künstler, mit dem Miel und Max befreundet sind. Ganz oben auf dem Meisterwerk thronen zwei Marzipanfiguren, die dem Brautpaar verblüffend ähnlich sehen, aus Sicherheitsgründen beiseite geschafft und infolgedessen wenig später von zwei kleinen Neffen von Miel verspeist werden.

Eine nicht enden wollende Welle von Junggesellinnenabschieden, Polterabenden und Probediners rollt über mich hinweg; eine Lawine aus weißem Tüll, weißen Blumen und weißem Geschenkspapier mit silbernem Muster, weißen Bändern, weißem Reis, weißen Täubchen, weißer Tortenglasur auf Fingern und Lippen, begleitet von einigen weisen Notlügen. Mein Hirn ergibt sich, schaltet auf Leerlauf. Ich verliere den Überblick, weiß nicht mehr, welchen Tag wir haben. Die Einleitung zur Trauung kann ich mittlerweile auswendig. Bei der Arbeit bin ich unkonzentriert, starre aus dem Fenster und denke über die Songs nach, die für den ersten Tanz ausgewählt wurden: Cole Porter, Burt Bacharach; Liebe, dein, mein, unser, zwei, eins, für immer und ewig. Und jedes Mal ist es dasselbe Spiel, egal, zu welchem Song: Das glückliche Paar steht im Zentrum der Tanzfläche, im Zentrum eines Kreises von umstehenden Gästen, reicht sich die Hände und eröffnet vor aller Augen den Reigen, dreht sich langsam, lächelt sich an, schwebt über die leere Fläche, trennt sich schließlich, um mit den Eltern zu tanzen. Dann folgen allmählich die Gäste; ein Paar nach dem anderen begibt sich auf die Tanzfläche, bis wir alle dort versammelt sind – sämtliche Angehörige und sonst wie Beteiligte. Ich überlasse Gabe jedes Mal die Führung.

Mit freundlicher Genehmigung des Verlags