Der Geist einer Sprache offenbart sich am deutlichsten

in ihren unübersetzbaren Worten.

Marie v. Ebner-Eschenbach

 

 

Leseprobe

 

aus: Der Zauberer von Oz von Frank L. Baum (Knesebeck, 2011)

Die wunderbare Smaragdstadt

Selbst mit ihren grünen Schutzbrillen auf den Nasen waren Dorothy und ihre Freunde zunächst ganz überwältigt vom strahlenden Glanz der imposanten Stadt. Die Straßen waren gesäumt von eleganten Häusern aus grünem Marmor, deren Mauern mit funkelnden Smaragden besetzt waren. Die Bürgersteige waren aus demselben grünen Marmor, und selbst in den Fugen zwischen den Steinplatten glitzerten Edelsteine dicht an dicht in der Sonne. Die Fensterscheiben bestanden aus grünem Glas; der Himmel über der Stadt schimmerte grünlich, ja, sogar die Sonnenstrahlen waren grün.
Es waren viele Menschen unterwegs, und alle – Männer, Frauen und Kinder – waren grün angezogen und hatten eine grünliche Haut. Sie musterten Dorothy und ihre seltsamen Gefährten verwundert, und sobald sie den Löwen erblickten, liefen die Kinder davon oder verschanzten sich hinter ihren Müttern, doch niemand richtete das Wort an sie. Auch das, was in den zahlreichen Geschäften feilgeboten wurde, war ausnahmslos grün. Da gab es nicht nur grüne Schuhe, grüne Hüte und grüne Kleider, sondern auch grüne Süßigkeiten und grünes Popcorn. An einem Stand bot ein Mann grüne Limonade zum Verkauf an, und als ein paar Kinder bei ihm einkauften, sah Dorothy, dass sie mit grünen Münzen bezahlten.
Es schien keine Pferde oder sonstige Tiere zu geben; die Männer schoben das, was sie transportieren mussten, in kleinen grünen Karren vor sich her. Alle wirkten wohlhabend, glücklich und zufrieden.
Der Wächter der Tore führte die vier durch die Straßen bis zu einem großen Gebäude genau in der Mitte der Stadt. Das war der Palast des Großen Zauberers von Oz. Vor dem Eingang stand ein Soldat in einer grünen Uniform. Er hatte einen langen grünen Bart.
„Ich habe hier ein paar Fremde, die den Großen Oz zu sprechen wünschen“, sagte der Wächter der Tore zu ihm.
„Tretet ein“, sagte der Soldat. „Ich werde ihm die Botschaft gleich überbringen.“
Also betraten sie den Palast und folgten dem Soldat zu einem großen Saal mit einem grünen Teppich und exquisitem grünem Mobilar, das mit Smaragden besetzt war. Ehe sie den Saal betreten und Platz nehmen durften, mussten sie sich an einer grünen Fußmatte die Schuhe abstreifen. „Bitte macht es euch gemütlich“, sagte der Soldat höflich. „Ich gehe inzwischen zum Tor des Thronsaales, um dem Großen Oz zu sagen, dass ihn jemand zu sprechen wünscht.“
Sie mussten lange warten, ehe der Soldat zurückkehrte. „Hast du den Großen Oz gesehen?“, fragte ihn Dorothy, als er endlich wieder da war.
„Oh, nein“, entgegnete er. „Gesehen habe ich ihn noch nie; er sitzt stets hinter einem Wandschirm. Aber ich habe mit ihm gesprochen und ihm euren Wunsch mitgeteilt. Er lässt euch bestellen, dass er euch eine Audienz gewährt. Allerdings wird er euch nur einzeln empfangen, jeden Tag einen von euch. Da ihr also mehrere Tage im Palast verbringen werdet, lasse ich euch jetzt zu euren Zimmern bringen, damit ihr euch nach eurer langen Reise ausruhen könnt.“
„Vielen Dank“, sagte Dorothy. „Das ist sehr freundlich von Oz.“
Der Soldat blies in eine grüne Pfeife, und sogleich erschien ein junges Mädchen in einem hübschen grünen Seidenkleid. Es hatte wunderschönes grünes Haar und grüne Augen, und es begrüßte Dorothy mit einem tiefen Knicks. „Komm mit, ich zeige dir dein Schlafgemach.“
Dorothy verabschiedete sich von ihren Freunden, dann hob sie Toto hoch und folgte dem grünen Mädchen durch sieben Korridore und über drei Treppen zu einem luxuriösen Zimmer im vorderen Teil des Palastes. Das Bett war weich und bequem und mit Laken aus grüner Seide bezogen, und darüber lag eine Tagesdecke aus grünem Samt. Auf den Fensterbänken standen Vasen mit prächtigen grünen Blumen, und in der Mitte des Zimmers spie ein kleiner Springbrunnen Fontänen grünen Parfüms, die in einem Becken aus grünem Marmor aufgefangen wurden. Es gab auch ein Regal mit kleinen grünen Büchern, und als Dorothy später eines davon zur Hand nahm, um darin zu blättern, stieß sie auf viele lustige grüne Bilder, die sie zum Lachen brachten.
Im Schrank hingen lauter grüne Kleider aus Samt, Satin und Seide, die ihr wie angegossen passten.
„Fühl dich wie Zuhause“, sagte das grüne Mädchen, „und wenn du irgendetwas brauchst, klingle einfach mit der Glocke. Morgen Früh wird der Große Oz nach dir schicken.“
Damit ließ sie Dorothy allein und ging zurück zu den anderen, um sie ebenfalls zu ihren Zimmern zu geleiten. Jeder von ihnen war in einem schönen Teil des Palasts untergebracht. An den Vogelscheuchenmann war diese Gastfreundschaft natürlich verschwendet. Sobald er allein war, stellte er sich neben die Tür und wartete darauf, dass der Morgen anbrach, dabei war er in einem der schönsten Zimmer der Welt untergebracht. Aber er musste sich nun einmal nicht ausruhen und konnte die Augen nicht schließen, also beobachtete er die ganze Nacht lang eine kleine Spinne in der Ecke beim Weben ihres Spinnennetzes. Der Blecherne Holzfäller legte sich aus reiner Gewohnheit in sein Bett, in Erinnerung an die Zeiten, als er noch ein Mensch aus Fleisch und Blut gewesen war, doch auch er konnte nicht schlafen und verbrachte die Nacht damit, seine Arme und Beine zu bewegen, um sicherzugehen, dass die Gelenke gut in Schuss blieben. Der Löwe, der nicht gern eingesperrt war, hätte es vorgezogen, auf trockenen Blättern im Wald zu nächtigen statt in einem geschlossenen Raum, aber er war vernünftig genug um zu wissen, dass es keinen Zweck hatte, sich deswegen verrückt zu machen. Und so sprang er auf das Bett, rollte sich wie eine Katze zusammen und hatte sich binnen einer Minute in den Schlaf geschnurrt.
Tags darauf nach dem Frühstück kam die grüne Dienerin, um Dorothy zu holen. Sie half ihr in eines ihrer schönsten Kleider, ein Gewand aus edlem grünem Satinbrokat, und Dorothy zog noch eine grüne Schürze darüber und band Toto eine grüne Schleife um den Hals. Dann begaben sie sich gemeinsam zum Thronsaal des Großen Oz.
Dabei durchquerten sie einen großen Saal, in dem sich viele vornehm gekleidete Hofdamen und Edelmänner eingefunden hatten, die den lieben langen Tag nichts anderes zu tun hatten, als miteinander zu plaudern, denn sie wurden nie zum Großen Oz vorgelassen. Und doch kamen sie jeden Morgen, um vor dem Thronsaal zu warten. Als Dorothy eintrat, wurde sie von den Anwesenden neugierig gemustert, und einer von ihnen flüsterte ihr zu: „Willst du Oz dem Schrecklichen tatsächlich ins Gesicht sehen?“
„Selbstverständlich“, erwiderte Dorothy, „vorausgesetzt, er empfängt mich.“
„Oh, das wird er“, sagte der Soldat, der dem Zauberer ihre Botschaft überbracht hatte. „Obwohl er es gar nicht gern hat, wenn ihn jemand um eine Audienz ersucht. Er war zunächst sogar verärgert und hat mir aufgetragen, dich dorthin zu schicken, wo du hergekommen bist. Dann hat er mich gefragt, wie du aussiehst, und als ich deine silbernen Schuhe erwähnt habe, war plötzlich sein Interesse geweckt. Schließlich habe ich ihm von dem Mal auf deiner Stirn erzählt, und da hat er beschlossen, dich zu empfangen.“
In diesem Augenblick ertönte das Klingeln einer Glocke. „Es ist soweit“, sagte das grüne Mädchen zu Dorothy. „Du musst alleine in den Thronsaal gehen.“
Sie öffnete eine kleine Tür, und nachdem Dorothy diese furchtlos durchschritten hatte, fand sie sich in einem überaus prunkvollen runden Saal wieder, dessen Boden, Wände und Decke über und über mit großen Smaragden besetzt waren. Von der hohen Decke hing ein großer Leuchter, dessen Licht, so hell wie die Sonne, die Edelsteine aufs Wunderbarste funkeln ließ.
Doch was Dorothy jedoch am meisten interessierte, war der große Thron aus grünem Marmor, der in der Mitte des Saals stand. Er war geformt wie ein Stuhl und glitzerte wie alles andere vor Edelsteinen. Auf dem Thorn saß ein riesiger Kopf, ganz ohne Arme, Beine oder Körper. Er war noch viel größer als der Kopf des größten Riesen und völlig haarlos, dafür verfügte er über zwei Augen, eine Nase und einen Mund.
Während Dorothy den Kopf teils furchtsam, teils verwundert bestaunte, bewegten sich ganz langsam die Augen, bis sie auf ihr ruhten. Sie musterten sie eingehend. Dann bewegte sich der Mund, und eine Stimme erklang. „Ich bin Oz, der Große und Schreckliche“, sagte der Kopf. „Wer bist du, und was wünschst du von mir [wird 3x wiederholt]?“
Die Stimme klang weniger beängstigend, als Dorothy in Anbetracht des riesigen Kopfes erwartet hatte, also nahm sie all ihren Mut zusammen und antwortete: „Ich bin Dorothy, die Kleine und Sanftmütige, und ich bin gekommen, weil ich deine Hilfe brauche.“
Die Augen betrachteten sie eine geschlagene Minute lang nachdenklich. Dann fragte sie der Kopf: „Woher hast du diese silbernen Schuhe?“
„Von der Bösen Hexe des Ostens. Mein Haus hat sie unter sich begraben und sie getötet“, erklärte das Mädchen.
„Und woher stammt das Mal auf deiner Stirn?“, wollte die Stimme wissen.
„Dort hat mich die Gute Hexe des Nordens geküsst, ehe sie mir Lebewohl gesagt und mich auf den Weg zu dir geschickt hat.“
Wieder musterten die Augen sie scharf, und sie sahen, dass Dorothy die Wahrheit sprach. „Was willst du von mir?“, fragte der Zauberer.
„Bring mich zurück nach Kansas zu meiner Tante Em und meinem Onkel Henry“, antwortete Dorothy ernst. „Ich mag euer Land nicht, so schön es auch ist, und ich bin sicher, Tante Em macht sich schreckliche Sorgen um mich, weil ich schon so lange weg bin.“
Die Augen blinzelten drei Mal, blickten zur Decke und zum Boden und rollten dann wild hin und her und auf und ab, als könnte ihnen nichts im Saal entgehen. Schließlich ruhten sie wieder auf Dorothy.
„Warum sollte ich das für dich tun?“, wollte der Zauberer wissen.
„Wie du stark bist und ich schwach; weil du ein großer Zauberer bist und ich bloß ein hilfloses kleines Mädchen.“
„Und doch warst du stark genug, um die Böse Hexe des Ostens zu töten“, stellte der Zauberer fest.
„Das war ein Zufall“, sagte Dorothy schlicht. „Da konnte ich nichts dafür.“
„Nun“, sagte der Kopf, „hier ist meine Antwort. Du kannst nicht von mir erwarten, dass ich dich zurück nach Kansas schicke, wenn du nicht auch etwas für mich tust. In diesem Land muss jeder für das zahlen, was er bekommt. Wenn ich meine Zauberkräfte einsetzen soll, um dich wieder nach Hause zu bringen, dann musst du zuerst etwas für mich erledigen. Hilf du mir, dann helf ich dir.“
„Was muss ich tun?“, fragte Dorothy.
„Mach der Bösen Hexe des Westens den Garaus“, befahl der Zauberer.
„Aber das kann ich nicht“, stieß Dorothy verblüfft hervor.
„Du hast die Böse Hexe des Ostens vernichtet, und du trägst die silbernen Schuhe, die einen mächtigen Zauber in sich bergen. In diesem Land ist nur noch eine Böse Hexe übrig, und sobald du mir berichten kannst, dass sie tot ist, schicke ich dich zurück nach Kansas. Vorher nicht.“
Da begann Dorothy vor Enttäuschung zu weinen. Der Kopf blinzelte erneut und musterte sie besorgt, als wäre der Große Oz der festen Überzeugung, dass sie ihm helfen konnte, wenn sie es nur wollte.
„Ich habe noch nie ein Wesen absichtlich getötet“, schluchzte sie, „und selbst, wenn ich es wollte, wie soll ich die Böse Hexe des Westens töten? Wenn sogar du, der Große und Schreckliche Oz, sie nicht töten kannst, wie soll ich es dann anstellen?“
„Das weiß ich nicht“, sagte der Kopf. „Aber so lautet meine Antwort, und du wirst deine Tante und deinen Onkel erst wiedersehen, wenn die sie gestorben ist. Du darfst nicht vergessen, dass diese Hexe böse ist – sehr böse sogar – und dass sie dringend vernichtet werden muss. Und nun geh und komm erst wieder zu mir, wenn du deine Aufgabe erfüllt hast.“
Bedrückt verließ Dorothy den Thronsaal und ging zurück zu dem Löwen, dem Blechmann und der Vogelscheuche, die bereits gespannt auf ihren Bericht warteten. „Es gibt keine Hoffnung für mich“, sagte Dorothy traurig. „Der Zauberer schickt mich erst nach Hause, wenn ich die Böse Hexe des Westens getötet habe, und das wird mir nie und nimmer gelingen.“
Ihre Freunde hatten Mitleid mit ihr, konnten jedoch nichts für sie tun, also ging Dorothy auf ihr Zimmer, legte sich ins Bett und weinte sich in den Schlaf.
Am nächsten Morgen holte der Soldat mit dem grünen Bart die Vogelscheuche. „Komm mit“, sagte er. „Der Zauberer hat nach dir gesandt.“
Der Vogelscheuchenmann folgte ihm zum großen Thronsaal. Dort sah er auf dem mit Smaragden verzierten Thorn eine wunderschöne Dame sitzen. Sie trug ein Kleid aus grünem Seidenflor und eine juwelenbesetzte Krone auf den grünen Locken, und sie hatte zwei prächtige buntschillernde Flügel, so leicht und zart, dass sie sich schon beim geringsten Atemzug zu schwingen begannen.
Der Vogelscheuchenmann verbeugte sich, so tief es mit einem Bauch voller Stroh eben ging, und das liebreizende Wesen blickte mit gütiger Miene auf ihn hinunter und sagte: „Ich bin Oz, der Große und Schreckliche. Wer bist du und was wünschst du von mir?“
Die Vogelscheuche, die nach Dorothys Bericht vom Vortag eigentlich erwartet hatte, einen großen Kopf anzutreffen, war sehr überrascht, doch sie antwortete wacker: „Ich bin nur eine mit Stroh ausgestopfte Vogelscheuche, und ich möchte dich bitten, mir Verstand zu geben, damit ich klug bin wie jeder andere Mann in deinem Reich. Im Augenblick habe ich nämlich nur Stroh im Kopf.“
„Warum sollte ich das für dich tun?“, fragte die schöne Dame.
„Weil du weise und mächtig bist, und weil mir sonst niemand helfen kann“, erwiderte die Vogelscheuche.
„Ich verlange für jeden Wunsch, den ich erfülle, eine Gefälligkeit“, verkündete Oz. „Aber ich verspreche dir eines: Wenn du die Böse Hexe des Westens für mich tötest, dann gebe ich dir so viel Verstand, dass du der klügste Mann im Lande Oz bist.“
„Hat nicht schon Dorothy den Auftrag, die Hexe zu vernichten?“, fragte die Vogelscheuche verdutzt.
„So ist es. Es ist mir einerlei, wer sie tötet, aber solange sie noch lebt, werde ich dir deinen Wunsch nicht erfüllen. Und nun geh und komm erst wieder, wenn du dir die Klugheit verdient hast, die du dir so sehnlich wünschst.“
Der Vogelscheuchenmann kehrte bekümmert zu seinen Freunden zurück und erzählte ihnen, was Oz gesagt hatte, und Dorothy war überrascht, als sie hörte, dass sich der Große Oz ihm nicht als Kopf gezeigt hatte wie ihr, sondern als schöne Dame.
„Wie auch immer“, sagte die Vogelscheuche, „die Dame braucht ein neues Herz, genau wie der Blechmann.“
Tags darauf kam der grüne Soldat zum Blechernen Holzfäller und sagte: „Oz hat nach dir gesandt. Folge mir.“
Also ließ sich der Holzfäller von ihm zum Thronsaal führen. Er fragte sich, ob ihn Oz wohl als Kopf oder als schöne Dame empfangen würde, und er hoffte auf Zweiteres. „Wenn es nämlich der Kopf ist“, dachte er bei sich, „dann wird er mir meinen Wunsch bestimmt nicht erfüllen – schließlich hat ein Kopf kein Herz und kann kein Mitleid mit mir empfinden. Wenn es aber die schöne Dame ist, so werde ich sie inständig anflehen, mir ein Herz zu geben; schließlich heißt es immer, Damen hätten ein weiches Herz.“
Doch als der Holzfäller in den Thronsaal trat, fand er sich weder einem riesigen Kopf noch einer schönen Dame gegenüber. Oz war diesmal in die Gestalt eines hässlichen Monsters geschlüpft, das fast so riesig war wie ein Elefant, und es wäre kein Wunder gewesen, wenn der grüne Thron unter seinem Gewicht nachgegeben hätte. Das Wesen hatte den Kopf eines Nashorns, allerdings mit fünf Augen, und aus dem Körper, der ganz und gar von einem dichten, zottigen Pelz überzogen war, wuchsen fünf lange Arme und fünf lange, dürre Beine. Eine scheußlichere Kreatur hatte wohl noch nie jemand gesehen. Es war ganz gut, dass der Holzfäller noch kein neues Herz hatte, denn es wäre ihm beim Anblick dieses Wesens bestimmt vor Schreck in die Hose gerutscht. Aber er war ja nur aus Blech, und deshalb hatte er keine Angst. Er war bloß sehr enttäuscht.
„Ich bin Oz, der Große und Schreckliche“, sprach Monster mit dröhnender Stimme. „Wer bist du und was wünschst du von mir?“
„Ich bin ein Holzfäller aus Blech, und ich habe kein Herz und kann deshalb nicht lieben. Ich möchte dich bitten, mir ein Herz zu geben, damit ich so sein kann wie jeder andere Mann.“
„Warum sollte ich das für dich tun?“, fragte die Bestie.
„Weil ich dich darum bitte, und weil nur du mir meinen Wunsch erfüllen kannst“, antwortete der Blechmann.
Der Zauberer stieß ein unmutiges Brummen hervor und sagte mürrisch: „Wenn du ein Herz haben willst, musst du es dir verdienen.“
„Und wie?“, wollte der Holzfäller wissen.
„Hilf Dorothy, die Hexe des Westens zur Strecke zu bringen“, erwiderte das Untier. „Wenn die Hexe tot ist, komm zu mir, und dann gebe ich dir das größte, gütigste, mildtätigste Herz, das landauf, landab zu finden ist.“
Und so kehrte auch der Blechmann unverrichteter Dinge zu seinen Freunden zurück. Traurig erzählte er ihnen von der grauenhaften Bestie, die er gesehen hatte, und sie staunten sehr über die Verwandlungskünste des Großen Zauberers von Oz. Der Löwe sagte: „Wenn ich morgen in den Thronsaal komme und dort dieses Monster vorfinde, werde ich brüllen, so laut ich kann, sodass es sich erschreckt und mir jeden Wunsch erfüllt. Und falls mich Oz in Gestalt der schönen Dame empfängt, dann werde ich so tun, als wollte ich mich auf sie stürzen und sie auf diese Weise zwingen, mir meine Bitte zu gewähren. Sollte er mir aber als großer Kopf erscheinen, ist er mir ausgeliefert, denn dann rolle ich ihn so lange im Saal umher, bis er gelobt, uns alle Wünsche zu erfüllen. Also, meine Freunde, nicht verzagen. Es wird alles gut.“
Am darauffolgenden Morgen brachte der Soldat mit dem grünen Bart den Löwen zum Thronsaal und hieß ihn, vor den Großen Oz zu treten.
Der Löwe ging sogleich hinein und erblickte zu seiner Überraschung in der Mitte des Saales, direkt vor dem Thron, einen großen Feuerball, so glühend heiß und hell, dass er den Anblick kaum ertrug. Sein erster Gedanke war, dass der Große Oz womöglich aus Versehen Feuer gefangen hatte und nun elendiglich verbrannte, doch als er sich näher heranwagte, versengte ihm die Hitze die Schnurrhaare, und er kroch zitternd wieder zurück in Richtung Ausgang.
In diesem Moment ertönte eine leise, tiefe Stimme aus dem Feuerball und sagte: „Ich bin Oz, der Große und Schreckliche. Wer bist du und was wünschst du von mir?“
„Ich bin ein Feiger Löwe und habe vor allem und jedem Angst, und ich möchte dich bitten, mich mutig zu machen, denn nur so kann ich der König der Löwen sein, wie die Menschen mich nennen.“
„Warum sollte ich dich mutig machen?“, fragte Oz.
„Weil du von allen Zauberern der Größte bist und weil nur du die Macht hast, mir meinen Wunsch zu erfüllen.“
Der Feuerball brannte eine Weile wild flackernd vor sich hin, dann verkündete die Stimme: „Ich gewähre dir deinen Wunsch, sobald du mir einen Beweis dafür bringst, dass die Böse Hexe des Westens tot ist. Doch solange die Böse Hexe des Westens lebt, musst du ein Feigling bleiben.“
Der Löwe ärgerte sich über diese Worte, konnte ihnen aber nichts entgegensetzen. Und wie er so dastand und den Feuerball anstarrte, wurde dieser immer heißer und heißer, sodass sich der Löwe schließlich umwandte und schleunigst das Weite suchte. Er war froh, als er sah, dass seine Freunde auf ihn warteten, und er erzählte ihnen von seiner fürchterlichen Unterredung mit dem Zauberer.
„Und was nun?“, fragte Dorothy bedrückt.
„Uns bleibt nur eines übrig“, entgegnete der Löwe. „Wir müssen ins Land der Winkies aufbrechen, und dort müssen wir die Böse Hexe suchen und vernichten.“
„Und wenn es uns nicht gelingt?“, fragte das Mädchen.
„Dann bleibe ich für immer ein Feigling“, sagte der Löwe.
„Und ich ein Dummkopf“, fügte die Vogelscheuche hinzu.
„Und ich bekomme nie ein neues Herz“, stellte der Blechmann fest.
„Und ich werde Tante Em und Onkel Henry nie wieder sehen“, sagte Dorothy und brach in Tränen aus.
„Gib Acht!“, rief die grüne Dienstmagd. „Deine Tränen werden auf dem grünen Seidenkleid Flecken hinterlassen.“
Also trocknete Dorothy ihre Tränen und sagte: „Wir werden es wohl einfach versuchen müssen, auch, wenn ich auf keinen Fall jemanden töten will – nicht einmal, um Tante Em wiederzusehen.“
„Ich begleite dich“, versprach der Löwe, „auch wenn ich viel zu feige bin, um die Hexe zu töten.“
„Ich komme ebenfalls mit“, meldete sich die Vogelscheuche zu Wort. „Auch wenn ich dir wohl keine große Hilfe sein werde, weil ich so ein Dummkopf bin.“
„Ich würde es zwar nicht über mich bringen, jemandem ein Leid zuzufügen, nicht einmal einer Hexe“, sprach der Blechmann, „aber wenn ihr geht, gehe ich natürlich mit.“
Sie beschlossen, schon am nächsten Morgen aufzubrechen. Der Holzfäller schärfte seine Axt an einem grünen Schleifstein und ließ sich sämtliche Gelenke ordentlich ölen. Der Vogelscheuchenmann stopfte sich mit frischem Stroh aus, und Dorothy malte ihm die Augen nach, damit er besser sehen konnte. Das grüne Mädchen, das äußerst liebenswürdig zu ihnen war, füllte Dorothys Korb mit allerlei Leckereien und band Toto eine neue grüne Schleife mit einem Glöckchen um den Hals.
Sie gingen früh zu Bett und schliefen tief und fest, und beim ersten Sonnenstrahl weckte sie das Krähen eines grünen Gockels, der im Hinterhof des Palasts lebte, und das Gackern einer Henne, die gerade ein grünes Ei gelegt hatte.

Mit freundlicher Genehmigung des Verlags